Zwischen den Bändern

Ich habe eine Sendelizenz. Rufzeichen, Prüfung, Papier, alles ordentlich. Und doch: Wenn ich ehrlich bin, verbringe ich die meiste Zeit nicht mit Senden, sondern mit Hören. Nicht, weil mir das Gespräch fehlt, sondern weil ich glaube, dass das eigentliche Abenteuer des Funks im Zuhören beginnt.

Viele Funkamateure bewegen sich auf vertrautem Terrain: den Bändern, die uns zugeteilt sind. Kleine Inseln im Ozean den Kurzwellen-, VHF- und UHF-Bändern.

Doch jenseits dieser Inseln rauscht, piept und flüstert eine Welt, die kaum jemand beachtet. Und das Erstaunliche: Man darf sie völlig legal entdecken. Keine Lizenz nötig. Nur Neugier.

Wie klein unsere Inseln wirklich sind

Wer das Spektrum zwischen 3.5 und 29.7 MHz betrachtet, also von 80 bis 10 Meter, erkennt schnell, wie eng unser Garten ist. In ganz Europa stehen Funkamateuren dort zusammen gerade einmal rund 3.25 MHz zur Verfügung.

Das entspricht nur etwa 12 % des gesamten Bereichs. Über 87 % liegen ausserhalb, frei hörbarer Entdeckungsraum voller ziviler, militärischer und wissenschaftlicher Signale.

Zum Vergleich: Ein einziges handelsübliches WLAN-Signal ist 20 MHz breit. Einige Router senden mit 80 oder 160 MHz Kanalbreite, nach verwendetem Standard.

Mit anderen Worten: Ein Router im Wohnzimmer nutzt mehr Spektrum als alle Kurzwellen-Amateurbänder von 80 bis 10 m zusammen.

Und das gilt nur für die Kurzwelle. Auf VHF (30–300 MHz) beanspruchen wir in Europa kaum 2 %, auf UHF (300–3000 MHz) oft weniger als 1 %. Mit etwas mehr als 3 MHz nutzen wir also nur einen winzigen Bruchteil dessen, was die elektromagnetische Welt zu bieten hat.

Eine steile These

Ich habe eine steile These: Nur sehr wenige Funkamateure bewegen sich ausserhalb der ihnen zugeteilten Bereiche. Die meisten bleiben brav auf ihren Bändern. Dort gibt es QSOs, Contestpunkte und Gesprächsrunden. Das ist völlig legitim. Aber wer nie über den Rand hinaus hört, verpasst das eigentlich Spannende: das unkartierte Funkgebiet dazwischen.

Was dort zu hören ist

Zwischen unseren Bändern wimmelt es von Leben: Flugfunk, Schifffahrtsfunk, Zeitzeichen, Wetterfax, wissenschaftliche Messungen, digitale Systeme, militärische Netze. Und manchmal auch das Unheimliche.

Zahlensender: Stimmen ohne Absender

Seit Jahrzehnten senden sie anonym: monotone Stimmen, die endlose Zahlenreihen oder Buchstabencodes vorlesen. Niemand bekennt sich zu ihnen. Niemand erklärt sie. Und doch sind sie da. Nacht für Nacht, Jahr für Jahr. Ich beteilige mich beim internationalen Projekt Priyom.org, wo wir diese Signale sammeln, analysieren und katalogisieren. Manchmal entdeckt jemand in Polen ein neues Signal, ein anderer in Spanien bestätigt es, und plötzlich beginnt eine kollektive Detektivarbeit. Wer spricht hier? Und zu wem?

Signal Identification Wiki: Das kollektive Ohr

Ein weiteres Projekt ist das Signal Identification Wiki. Dort entsteht eine Enzyklopädie des Äthers: Tausende Signale, dokumentiert von Hörerinnen und Hörern auf der ganzen Welt. Was früher Geheimdienstaufklärung war, ist heute Citizen Science. Man erkennt Muster, teilt Spektren, vergleicht Aufnahmen und verwandelt Rauschen in Wissen.

HFGCS: Die Stimme der Supermacht

Wer den Kurzwellenbereich erforscht, stösst früher oder später auf das HFGCS (High Frequency Global Communications System) der US Air Force. Dort laufen militärische Meldungen für Flugzeuge und U-Boote, mit charakteristischen Durchsagen wie:

«This is Main Sail, Main Sail, do not answer. Message follows.«

Diese Worte sind Routine, aber sie tragen einen eigenartigen Nachhall. Wenn man sie hört, weiss man: Der Funk ist die unsichtbare Infrastruktur der Welt.

Flugfunk auf Kurzwelle

Neben dem Geheimnisvollen gibt es das Alltägliche: Flugfunk auf Langstrecken, Positionsmeldungen über dem Atlantik und VOLMET-Wetterberichte. Ich höre das oft nebenbei. Nicht, um etwas Bestimmtes zu erfahren, sondern weil diese Stimmen so unmittelbar sind. Funk ist hier kein Hobby mehr, sondern eine akustische Reise.

Lauschen als Haltung

Hören ist kein passiver Akt. Lauschen bedeutet Wahrnehmung und Geduld. Man kontrolliert nichts, man empfängt. Manchmal ist da nur Rauschen. Manchmal ein unerklärliches Muster.

In einer Welt, in der alle senden, auf Funk, in sozialen Netzwerken, im Alltag, ist Hören fast schon Widerstand. Es entschleunigt. Es öffnet die Wahrnehmung. Und es erinnert daran, dass der Äther keine Eigentumswohnung ist, sondern ein gemeinsames Feld.

Wie man selbst beginnt

Das Schönste: Diese Welt steht jedem offen. Keine Lizenz nötig. Nur Neugier. Ein paar Wege zum Einstieg:

  • WebSDR & KiwiSDR: Weltweit verteilte Online-Empfänger, direkt im Browser nutzbar.
  • SDR-Sticks (z. B. RTL-SDR, Airspy, SDRplay, Hack RF): Kleine USB-Empfänger, mit denen man am eigenen PC das Spektrum erforschen kann.
  • Software: ADRangel, SDRuno, GQRX, SDR#, FLDIGI, WSJT-X. Werkzeuge zum Beobachten, Aufzeichnen und Dekodieren.
  • Signal Identification Wiki: Zum Vergleichen und Dokumentieren unbekannter Signale.
  • Priyom.org: Für alle, die Zahlensender suchen oder selbst Logs beisteuern wollen.

Alles, was man braucht, sind Kopfhörer, Geduld und die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen.

Funk als kulturelles Abenteuer

Funk ist mehr als Technik. Er ist das hörbare Rückgrat unserer Zivilisation: Schiffe, Flugzeuge, Notrufe, Zeitzeichen, Routine, Geheimnisse. Unsere Lizenzen geben uns Rechte, aber unsere Ohren geben uns Freiheit.

Ich funke, wenn ich will. Aber ich höre jeden Tag. Weil der Äther nie schweigt.

Schlussgedanke

Wenn du das nächste Mal durch die Kurzwelle drehst, bleib kurz zwischen den Bändern stehen. Vielleicht hörst du nur Rauschen. Vielleicht hörst du Geschichte. Aber ganz sicher hörst du mehr Welt, als du denkst.


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